Der Spiegel: Supercup-Finale in Mazedonien - Die Missionare von der Uefa

Brütende Hitze, teure Hotelpreise, Handball- statt Fußballfans: Warum findet das Supercup-Finale zwischen Real Madrid und Manchester United in Skopje statt? Die Uefa hat einen Plan.

Auf Gehwegen sammelt sich von der Sonne verbranntes Laub, Mülleimer quillen über vor leeren Wasserflaschen, aus jedem Hauseingang dröhnen die Klimaanlagen: In Skopje herrschen bereits seit Tagen Temperaturen über 40 Grad. Im Schatten.


Wer nicht raus muss, verbarrikadiert sich in der abgekühlten Wohnung. In beliebten Restaurants in der modernisierten Altstadt gilt trotz Hochsaison freie Platzwahl, und an der Promenade entlang des Vardar kann man kilometerweit auf dem Radweg spazieren, ohne vom Klingeln eines verärgerten Fahrradfahrers zurechtgewiesen zu werden. Tagsüber wirkt die mazedonische Hauptstadt wie ausgestorben - gäbe es da nicht die flimmernden Reklamen in Hundertmeterabständen, die Skopje fast in ein osteuropäisches Las Vegas verwandeln.

Supercup sowie die Vereinslogos von Manchester United und Real Madrid leuchten auf den unzähligen LED-Anzeigen des europäischen Fußballverbands Uefa: Am Dienstag steigt im mazedonischen Nationalstadion das Supercup-Endspiel zwischen dem aktuellen Europa-League- und Champions-League-Sieger (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Der sportliche Wert des Vergleichs der aktuellen Titelträger der europäischen Klubwettbewerbe ist überschaubar. Die Trainer experimentieren noch, und die Spieler um Superstar Cristiano Ronaldo sind nach einer langen Saisonvorbereitung, die beide Teams über mehrere Wochen in den USA verbracht haben, müde.

Finale wandert in die Fußballprovinz

Im hitzigen Skopje müssen sie trotzdem antreten, und immerhin erhält der Gewinner drei Millionen Euro. Ansonsten ist der Wettbewerb vor allem Werbung für das Business Fußball: Die Uefa schickt dafür die Top-Teams des Kontinents auch in ihre kleineren Mitgliedsländer. Seit 2013 wechselt der Gastgeber des Supercups jährlich. Nach Prag, Cardiff, Tiflis und Trondheim ist nun Skopje dran.

Fußball und Mazedonien, das hat aus sportlicher Sicht seit dem Uefa-Beitritt 1994 nicht gepasst. Bei allem Respekt, es müsste eine noch größere Europameisterschaft als die mit 24 Mannschaften aufgeblähte EM-Endrunde geben, damit sich das Zwei-Millionen-Einwohner-Land für eine EM qualifizieren könnte.

In der vergangenen Qualifikationsrunde für das erste 24er-Turnier 2016 war das Land um den früheren Inter-Star Goran Pandev abgeschlagen Letzter seiner Gruppe, hinter Luxemburg. Deswegen soll die Austragung des Supercups mit Real Madrid und Manchester United für Fußball-Euphorie in Mazedonien sorgen. Aber wie wird das Event dort angenommen?

Von Begeisterung ist rund um die Fanmeile im Herzen der Stadt zumindest bisher wenig zu spüren.

Die Szenerie erinnert eher an eine Messe, passend zum Las-Vegas-Look hoffen viele auf den großen Gewinn. In den neu erbauten Luxushotels um die Stone Bridge sieht man Männer mit weißen Hemden in den Lobbys stehen, sie alle tragen Buttons der Uefa oder eine Mitarbeiterakkreditierung um den Hals. Vor den Hotels parken Autos der Uefa-Sponsoren. Aber Fans? "Sie kommen noch", sagt ein Hotelier, der von vielen Buchungen aus England berichtet. Auch Kioskbetreiber und Wirte hoffen auf den großen Ansturm, seit Tagen stehen literweise Bier in extra eingekauften Kühlschränken bereit. Bisher sind aber nur die Barkeeper der Hotels im Dauereinsatz.

Der Stolz der Stadt ist der Handballverein

Kommen am Ende doch weniger Fans als erwartet? Beim privaten Vermietungssystem Airbnb sinken die Übernachtungspreise täglich, von den zahlreichen Inseraten werden bis zum Anpfiff etliche ungebucht bleiben. "Es tut mir leid", sagt Konstantin verlegen: "Normalerweise biete ich das Zimmer für 20 Euro an. Aber wegen des Supercups wollte ich mehr." Konstantin nimmt 280 Euro für drei Übernachtungen und ist im Vergleich zu anderen privaten Anbietern und Hotels günstig. Ob er mit dem Geld das Fußballspiel besucht? "Nein, vielleicht gehe ich einmal öfter zum Handball." Der Stolz der Stadt ist Vardar Skopje, nicht der aktuelle Fußballmeister, sondern der Champions-League-Sieger im Handball. Fußball ist hier nur die Nummer zwei.

An diesem Kräfteverhältnis wird gearbeitet. Vor dem Stadion laufen die Planungen für den Supercup bereits seit Tagen: Graffitis, auf denen "Uefa Mafia" steht, werden mit einem Werbebanner für das Spiel überklebt. Auf einen Trainingsplatz des Fußballmeisters laufen Kinder mit der mazedonischen Nationalflagge und üben diese zu schwenken, über eine Lautsprecheranlage ruft ihnen jemand in englischer Sprache zu: "Macht euer Land am Dienstag stolz."

Am Ende soll auch Mazedonien von der Aufmerksamkeit um das Fußballspiel profitieren. Mit dem Projekt Skopje 2025 will das Land, das eines der finanzschwächsten Europas ist, in einem neuen Glanz erscheinen. Der neue Regierungspalast, Monumente von Alexander dem Großen und teure Hotelketten sind erst der Anfang. Auch die Austragung des Supercups gehört in dieses Programm, sie soll das renovierte Nationalstadion in Szene setzen. Ob das klappt? Zumindest die müden Beine von Cristiano Ronaldo und Co. müssen mitmachen.

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